Seit Sonntag 16:30 Uhr (MEZ) steht es fest, Ägyptens neuer Präsident ist ein Muslimbruder. Die ersten Beteuerungen galten zwar der Sicherung und dem Aufbau liberaler Strukturen, doch der Wunsch nach einem Ausbau der Achse Kairo-Teheran lassen erahnen, welch Agenda folgen könnte.
Mohammed Mursi, der neue Präsident Ägyptens und Kandidat der islamistischen Muslimbrüder steht seit gestern fest. Eigentlich war er nur zweite Wahl, denn der erste Kandidat der Muslimbrüder Khairat el Schater, wegen seiner Gefängnisstrafe unter Mubarak disqualifiziert, wurde von der Hohen Walhkommsion nicht anerkannt. Doch wer ist Mursi eigentlich?
Geboren am 20. August 1951 in der Provinz Sharqia im Nildelta geboren, blieb der einstige Bauernsohn seiner Heimat bis dato treu. Er arbeitete bis vor Kurzem noch als Professor an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften in der Provinzhauptstadt Zagazig. Seine Promotion legte er in den USA ab, weshalb zwei seiner fünf Kinder die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen. Zwischendurch lebte die Familie in Kairo und sieben Jahre in Kalifornien. Zurück in Ägypten machte er schnell Karriere in der Muslimbruderschaft, wurde ihr politischer Sprecher und gründete die “Ägyptische Kommission gegen den Zionismus”. Israelis allgemein bezeichnete er des Öfteren als “Killer und Vampire”. Im Wahlkampf umgab er sich meist mit Safwat el Hegasi, der in Großbritannien Einreiseverbot hat, weil er unter anderem solche Überzeugungen vertritt: “Wir wollen die Vereinigten Staaten von Arabien mit Jerusalem als Hauptstadt”.
Mursis Erfolg steht sinnbildlich für die ganze Entwicklung im Nahen Osten infolge des angeblichen arabischen Frühlings. Denn der Erfolg der islamistischen Organisationen (mittlerweile als Parteien betitelt) lässt sich nicht vor dem Hintergrund einer langersehnten und angeblich verwirklichbaren Liberalisierung der Gesellschaft erklären, sondern vielmehr aus der erneuten Mythisierung einer “goldenen Epoche” des Islams, die es wiederzubeleben gilt. Aus heutiger Betrachtung wird eben jene Zeit als tolerant charakterisiert, weil Juden und Christen nicht permanent um ihr Leben bangen mussten. Unabhängig davon, dass dies zwar dennoch zur Tagesordnung gehörte, waren sie unter islamischer Herrschaft stets nur Menschen 2. Klasse – eine interessante Vorstellung von Toleranz. In die gleiche Vorstellungskategorie gehört daher auch der heutige Toleranzbegriff, den die führenden Vertreter der islamistischen Parteien predigen. Vor diesem Hintergrund werden universalistische Begriffe wie Menschenrechte und Säkularisierung als Scheinbegründungen genutzt, um islamischer Herrschaft eine Legitimationsgrundlage im 21. Jahrhundert zu ermöglichen.
Dass die Bevölkerung Ägyptens sich letztlich für Mursi entschied, ist auch darauf zurückzuführen, dass die eigentlichen westlichen Systeme (verkörpert durch Mubarak) letztlich scheiterten. Nach Panarabismus, Sozialismus und Tyrannei, konnte sich die islamische “Alternative” als einziger Lösungsweg suggerieren. Damit zeigt sich auch, dass das Ergebnis der ägyptischen Wahl der Höhepunkt einer islamischen Revolution ist und weniger die Wahl per se als Ergebnis eines emanzipatorisch ausgerichteten und nach Menschenrechten strebenden Aufstandes war. Die westliche Auffassung, dass sich Organisationen wie die Muslimbruderschaft von ihren eigentlichen Zielen abgewandt hätten, werden auch immer wieder von Aufweichungen durch ihre Führer begründet. So sagte Mursi beispielsweise vor seiner Wahl: “Wir kommen mit einer Botschaft des Friedens für alle – für die Revolution und die Revolutionäre, für Männer und Frauen, Arbeiter und Studenten, für das Ägypten der Muslime und das Ägypten der Christen” . Und eben solche Sätze will man in der restlichen Welt hören, obgleich im Inneren Leute festgenommen und gefoltert werden, die sich für eine wirkliche Demokratisierung einsetzen wollen.
Mursis Wunsch die Achse Teheran-Kairo zu stärken zeigt deutlich, welch Geistes Kind die Muslimbruderschaft und ihr Kandidat sind. Auch wenn dieser das bereits widerrufen hat, hat der Iran nun fortan einen neuen Verbündeten mit dem man gemeinsam nach Jerusalem ziehen kann – und wenn das eine Million Märtyrer kostet.
Eine interessante Sichtweise, ein wenig provokativ, aber ganz nett
Okay, höre gerade zum ersten Mal von dieser goldenen Epoche. gab es denn so etwas wie Aufklärung im Islam? Vielleicht kann das der Autor/die Autorin ja noch nachtragen. Gruß Dimmi
Sie tun gerade so, als ob gerade eine islamische Revolution in Ägypten den Sieg davon getragen hat. Das ist aber bei weitem nicht den Fall. Es kann keine Revolution stattfinden, wenn die alten Mächten (Militär, Innenministerium, Wirtschaft) nicht delegitimiert und verjagt werden. Und eben dies ist nicht passiert. Der Militärrat hat sich fast allen wichtigen Rechte (Budget, Vetorecht für Gesetze, Verfassungsgebung, Außenpolitik, Oberkommando) vor der Wahl gesicht. Zudem wird das Parlament warscheinlich teilweise aufgelöst und wie lange der Präsident, bei dem noch nicht einmal klar ist welche Befügnisse er besitzt, an der Macht bleibt ist fraglich. In den letzten Wochen hat die Konterrevolution zwar nicht völlig gesiegt, aber jeden Sieg eines ihrer Gegner zu einem Pyrrhussieg gemacht. Ägypten ist weit von einer Dogmatisierung entfernt. Außerdem errinnere ich, dass die gleichen Falken und Militärs im westen ähnliche Videos über Hasspredier (und das sind viele dieser Leute) und Erdogan gezeigt haben. Die Türkei gilt heute aber eher als Vorbild und nicht als neues Teheran (bei allen problematischen Entwicklungen).
“Wenn Allah, der Erhabene, das Volk liebt, prüft er es.
Wer sich nun zufrieden gibt, dem steht das Wohlgefallen (von Allah) zu, und wer zürnt, dem wird der Zorn (von Allah) zuteil.”
Diese Sure steht doch schon sinnbildlich. Und in Ägypten sagen die Muslimbrüder, dass sie Allahs Vorstellungen umsetzen. Aufbegeheren gegen die Muslimbrüder wird so zu Aufbegeheren gegen Allah
Jetzt muss ich mich auch mal einmischen. Ich finde es nicht sinnvoll Koran Suren zu zitieren und damit die Politik der Muslimbrüder vorherzusagen. Trotz aller beteuerungen ist es nämlich doch eine politische Partei und keine Kirche. Das scheinen sie zu vergessen Tina.
Das hat doch alles relativ wenig mit dem Islam zu tun, der Islam ist genauso wie das Christentum ein Hintergrundrauschen. Vielmehr geht es um Imperialismus und Antikolonialer Kampf! Das wird nur verdeckt.
Ich bin mir nicht sicher, ob man in einem Land, dass noch keine säkulären Prozesse durchlaufen hat, mit Kategorien wie “Partei” und “Kirche” weiterkommt.
Bis jetzt hat sich Mursi in der Aussenpolitik ja noch nicht sonderlich hervorgetan. Momentan ist er immer noch dabei seine eignen Stukturen und Vertrauten zu instalieren, wie erst durch die Zurückdrängung der Macht des Militärrates geschehen. Ich bin mir noch nicht 100% sicher, dass Mursi die Neuausrichtung der innenpolitischen Machtzentren gelingen wird. Und erst danach wird man sehen müssen wie er sich in der Aussenpolitik anstellt.