Die liberale Jugend? Ein kurzer Bericht über die ägypische Blogosphäre

Nachdem wir jetzt des öfteren durchaus kontroverse Meinungen über die Entwicklung in Ägypten veröffentlicht haben, will ich jetzt Stimme aus der Region zu Wort kommen lassen. Deshalb möchte ich euch einen kurzen Einblick in die Blogosphäre gewähren. Das Ganze soll mit der ketzerischen Frage eingeleitet werden, dass hier Meinung der liberalen Jugend zu Wort kommt. Ob das wirklich so ist, wird sich zeigen.

Alles hat mit einem Artikel aus dem New Statesman angefangen. Hier wurde von einem “Morsi Meter” berichtet. Dieses soll quasi alle gehaltenen Wahlversprechen des neuen Präsidenten Mohammed Mursi anzeigen oder eben die nicht gehaltenen Versprechen verdeutlichen. Somit geriert sich die Webseite als ein kritisches Element in einer traditionell autoritär geführten Gesellschaft. Andererseits ist das Barometer eigentlich sinnlos, weil solche Wahlanlayse selbst in älteren Demokratien nur Versagen messen würden. Dabei gehört die Wahl, der Erwartungsprozess und das positive Verarbeiten von Enttäuschungen, d.h. der Glaube an ein nächste bessere Wahl, eben zu dem Demokratisierungsprozess selbst. Demokratie ist nämlich kein natürliches oder kulturgegebens Erbe, sondern ein Lernprozess. Dazu gehört aber auch ein Vertraunsvorschuß. Wie sieht es aber mit denen aus die dieses Vertrauen geben müssten, mit der Bevölkerung?

Die ägyptische Blogosphäre

Es ist schwer das so einfach zu sagen. Eine Quelle für uns im Westen ist sicherlich das Internet. Im Netz etabliert sich ein technikaffiner Teil der Gesellschaft, der noch dazu als Facebookrevolutionäre bekannt wurde. Deshalb möchte ich euch zum einen einige Blogs Vorstellung und zum anderen die Frage klären, ob sich diese Leute wirklich als liberal bezeichnen lassen. Ich will euch 3 Blogs vorstellen. Alles sind in Englisch und geben deshalb nur eine begrenzte Aussagekraft. Die ersten beiden gehören zwei Frauen: Baheyya  und Zeinobia. Beide berichten vor allem über politische Themen und sehen sich als aktive aber kritische Kommentatoren der Umwälzungen in ihrem Land. Dabei nimmt vor allem Baheyya einen fast schon westlich-liberale Perspektive ein, wenn sie den Sieg Mursis über den Militärvertreter Shafiq als einen Sieg der Demokratie bezeichnet. Gleichzeitig kritisiert sie die oligarchischen Strukturen der Muslimbruderschaft. Ob es ein Pyrrhussieg für die Demokratie war, wird sich zeigen. Für die jungen Revolutionäre war es auf jedenfall nur suboptimal. Sie gibt aber die Hoffnung nicht auf. Ein wenig desillusionierter hört sich allerdings ihre Bloggerfreundin an, wenn sie die Koalition der jungendlichen Revolutionäre freundlich verabschiedet und meist nur von Verhaftungen oder Problemen schreibt.

Der bekannte linke Blogger 3arabaway nimmt sich in seinem aktuellen Beitrag auch der Stimmungslage nach der Wahl an. Er geht vermehrt auf die Kritik an der Muslimbruderschaft ein. Für ihn ist sie kein monolither Block, sondern eine größere Koalition aus verschiedenen Strängen. Es gibt verschiedene interessen in der Führungseben und bei den einfachen Mitgliedern. Im Endeffekt ist sie aber keine “faschistische Organisation”, sondern eine Reformbewegung, die gegen einen übermächtigen Gegner ankämpfen muss. Ihre einzige Waffe dafür ist die Mobilisierung der Volksmassen. Die Partei selbst steht somit unter einem gewissen Druck von unten (der Straße) und dem Druck der alten Machthaber (dem Militär). In dieser Analyse wird den Kadern der Bruderschaft eine relativ gute Politik attestiert. Im Endeffekt ist es für ihn aber nur ein weiterer Schritt im Kampf gegen die SCAF (den Militärrat):

Morsi and the MBs have opened the pandora’s box, and the coming days will only exacerbate their contradictions

Fazit

Es bleibt festzustellen, dass alle drei Blogger/innen stark gegen den Militärrat (und die Polizei) argumentieren. Sie sprechen sich für den demokratischen Wahlprozess mit einem Sieger Mursi aus, ohne ihn aber als Heilsbringer zu feiern. Vielmehr ist es für sie auch nur ein weiterer Gegner. Allerdings ist seine Wahl für sie ein notwendiges “Übel” hin zu einem freien Ägypten. Sie denunzieren ihn auch nicht als einen islamistischen Demogogen. Vielmehr scheint bei ihnen die Muslimbruderschaft als neue Oligarchie durch, die sich aber nicht wirklich auf eine iranische Theokratie zubewegt. Somit würde ich ihre Argumentation durchaus als eine demokratisch-liberale Perspektive bezeichne. Was aber das wichtigste ist: Alle drei haben die Hoffnung nicht aufgegeben!

8 thoughts on “Die liberale Jugend? Ein kurzer Bericht über die ägypische Blogosphäre

  1. Senfor

    Für meinen Geschmack verharmlosen sie den ideologischen Aspekt. Wir werden sehen was passiert. Ansonsten ein schöner Überblick zum reinlesen.

  2. Ahmed

    Mich würde auch noch interessieren welche Perspektive eigentlich von der Muslimbruderschaft und ihr nahestehenden Bloggern eingenommen wird. Sie ist immerhin eine gewichte Stimme in diesem Land. Deshalb sollte man sie nicht untergehen lassen. Auch im Westen!

  3. Senfor

    Als ob die Muslimbruderschaft hier irgendwie eine reformnahe Politik betreiben würde. Das sind intransigente Dogmatiker. Es ist sicher zweifelhaft ob es genug englischsprachige Blogs gibt.

  4. Amerian

    Ägypten hatte es noch relativ gut, hier war der westliche Einfluß nicht so groß, weil sie vorher pro Mubarak waren. In Libyen und Syrien geht das Spiel genau andersrum, das “Volk” wird verwendet um antiwestliche Mächte zu stürtzen und es wird leider gelingen.

  5. Hannes

    Senfor :
    Als ob die Muslimbruderschaft hier irgendwie eine reformnahe Politik betreiben würde. Das sind intransigente Dogmatiker. Es ist sicher zweifelhaft ob es genug englischsprachige Blogs gibt.

    Da wissen sie aber eine Menge. Haben sie nicht-englischsprachige Blogs der Muslimbrüderschaft mal gelesen (wenigstens Übersetzungen) oder worauf genau beruht diese Einschätzung.

  6. Anke

    Allerdings ist seine Wahl für sie ein notwendiges “Übel” hin zu einem freien Ägypten.

    Wie Hindenburg? Weil nach dem weniger schlimmen Übel nie das ganz große Übel wartet?

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